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Der revolutionäre Block

Architekturhistorisches Feature
(in Vorbereitung)

”Es liegt wie ein gestrandeter Ozeanriese am Ufer der Ihme, mitten in Hannover” - so beschreibt der Architekturhistoriker Sid Auffart 2001 in einem Aufsatz das Ihmezentrum in Hannover. Und damit hat er noch eine der netteren Beschreibungen geliefert. Von außen betrachtet, ist das Ihmezentrum heute ein trister, grauer und abweisender Betonklotz, eine langsam verfallene, postmoderne Trutzburg, die sich allen Modernisierungsversuchen der vergangenen Jahrzehnte erfolgreich widersetzt hat. Und tatsächlich lässt sich am Ihmezentrum exemplarisch zeigen, wie schwer heute der Umgang mit den städtebaulichen Konzepten aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten ist.

Entstanden ist die Idee, das Ihmezentrum zu bauen, in den 60er Jahren. Es ist die Zeit von fast grenzenlosem Wirtschaftswachstum und unbeirrbarem Fortschrittsglauben. In der Architektur wie in der Städteplanung ist alles bürgerliche, historizierende verpönt. Beton ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Und so schießen in allen deutschen Städten neue, urbane Wohnviertel buchstäblich wie Pilze aus dem Boden. “Urbanität durch Verdichten” war das Schlagwort, was nichts anderes hieß, als auf einer möglichst kleinen Fläche möglichst viel, also möglichst hoch, zu bauen.

Das Ihmezentrum ist ein Musterbeispiel für diesen Ansatz der “Komplexbebauung”, mit gewaltigen Dimensionen: Auf einer Grundfläche von nur 50.000 Quadratmeter entstanden 285.000 Quadratmeter Nutzfläche. Bei seiner Fertigstellung 1975 war das Ihmezentrum zweieinhalb Mal so groß wie ursprünglich geplant und wurde zu einem Betonklotz mit etwa einer Million Kubikmeter umbauten Raum.

Der Zeitgeist der 60er Jahre wirkte auch auf die wohlhabende Mittelschicht Hannovers, wo sich unbeirrbarer Fortschrittsglaube mit dem revolutionären Geist der Studentenproteste paarte. Irgendetwas Neues wollte man probieren, warum also nicht nach alternativen Wohnformen suchen? Eigentum ja, aber nicht mehr das spießige Häuschen mit Garten am Stadtrand. Und so traf ausgerechnet das Ihmezentrum genau den Nerv der Zeit. Nah an der Innenstadt, mit der Kombination aus Eigentumswohnungen, Geschäften und Büroräumen, war es der Prototyp modernen, urbanen Lebens.

Ab Mitte der 70er Jahre fand allerdings ein radikaler Paradigmenwechsel im Städtebau statt. Beton war out, statt der Kahlschlagsanierung der 60er Jahre versuchte man nun, die Altbausubstanz durch behutsame Sanierung zu erhalten. Dazu kam die ab 1980 immer deutlicher einsetzende Rezession, die dazu führte, dass mehr und mehr der völlig überdimensionierten Ladenflächen mit Ramsch- und Discountläden gefüllt wurden oder leer standen. Bevor das Ihmezentrum richtig zum Leben erweckt wurde, begann der Verfall. Das Experiment war gescheitert.

Soweit der Blick von außen. Und von Innen? Wer heute immer noch im Ihmezentrum wohnt, tut das aus gutem Grund. Jutta Dietz zum Beispiel hat zusammen mit ihrem Mann gleich zwei Wohnungen im Ihmezentrum gekauft. Und lebt sehr gerne dort. Der weite Blick, die Ruhe, die Nähe zur City, die großen Wohnungen - die 71jährige kann sich nicht mehr vorstellen, wegzuziehen. Den Niedergang der Ladenpassage hat sie mit Sorge betrachtet, genauso wie das Scheitern des inzwischen dritten Investors - der Carlyle-Group aus Hamburg. Die Kombination aus 60er-Jahre-Architektur mit 90er-Jahre Shopping-Mall-Ästhetik war offensichtlich auch nicht die richtige Lösung, um das Ihmezentrum wieder zu revitalisieren. Die Bauarbeiten wurden von einem Tag auf den anderen abgebrochen. Tiefgarage, Untergeschoss und Ladenzeile sind nur noch entkernter Rohbau, von einer Wiederbelebung ist das Ihmezentrum heute entfernter denn je.

 

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